Moment mal!

Männer, so weiß ich aus Erfahrung, können sich unheimlich schlecht in Frauen hineindenken. Das hat zur Folge, dass männliche Autoren bei der charakterlichen Ausschmückung ihrer fiktiven weiblichen Hauptpersonen grobe Fehler begehen, und zwar immer die gleichen. Die Damen werden allzu oft als ideal dargestellt; sie sind intelligent, gutaussehend, und unabhängig. Dafür haben sie keinerlei Aspirationen, Bedenken, oder Motivation. Indem also all diese Fiktionsautoren denselben Denkfehler begehen, schafft einer nach dem anderen eine oberflächlich und künstlich wirkende Person, der es trotz ihrer scheinbaren Perfektion niemals gelingen wird, Leser in ihren Bann zu ziehen. Denn wir kennen sie bereits aus all den anderen Romanen; es ist immer dieselbe Darstellerin, nur der Name ändert sich.
Das nur am Rande, als Tipp an alle angehende Autoren von Fantasiegeschichten. Ich schätze mich glücklich, nur die tatsächlichen, wenn auch haarsträubend grausamen Umstände beschreiben zu müssen. Ich bin Wissenschaftler; mit Fantasie kann ich nicht dienen.
Evelyn wusste von jenem typischen Fehler – sie hatte davon in einem der unzähligen Werke der väterlichen Bibliothek gelesen und es sich gemerkt, weil es absolut nebensächlich ist.
In jenem Moment, als sie über den endlosen weißen Teppichboden der Ink Inc. schritt, kam sie nicht umher zu denken wie ähnlich sie all diesen Standardperson in vielerlei Hinsicht war. Dieser Gedanke bedrückte Evelyn, doch bevor sie sich ihres eigenen vielschichtigen Charakters bewusst werden konnte, wurde sie von der Dame neben ihr zurück in die Realität geholt.
„Wait a second!“, unterbrach Nummer 4 ihre Ausführungen zum Guiding Framework der Ink Inc. „Where is your friend?“
Evelyn zuckte zusammen, lief rot an und versuchte sich an ihren Plan zu erinnern.

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