Anathem der Phantasie – Teil 3

Teil 1
Teil 2 

Es kam ihm vor, als brauchte die alte Frau eine Ewigkeit um das Wort auszusprechen. Rund um ihn veränderte sich das Zimmer, und zwar beträchtlich, so dass ich an dieser Stelle aufhören werde, es ein Zimmer zu nennen, und es stattdessen als “große bunte bizarre Landschaft mit Felsen hinter denen Gestalten wie aus einem Alptraum lauerten” bezeichnen werde.
Harold fand sich jetzt in einer bunten, bizarren Landschaft mit Felsen, hinter denen Gestalten wie aus einem Alptraum lauerten, wieder. Er konnte diese Gestalten nicht richtig sehen, aber er konnte sie anders wahrnehmen, obschon er keine Ahnung hatte, welcher Sinn dazu imstande sein mochte. Wäre man zu dem Zeitpunkt bei ihm gewesen, hätte man gesehen, wie sie sich langsam auf ihn zubewegten.

Der Kopf der alten Dame erschien vor Harold in der Luft.
“Schön, hm? Habe ich alles allein mit meiner Phantasie geschaffen. Jetzt kannst du ja weiter philosophieren, so lange du willst.”
“Du meinst… das hier besteht aus Phantasie?”, fragte Harold.
Der Kopf nickte stolz. Dann schwiegen beide.
“Kannst du dir vorstellen, wie es ist, Schmerzen mit dem achten Sinn zu empfinden?”, fragte die Alte, um die Stille zu überbrücken. Hier möchte ich anmerken, dass auch sie keine Ahnung hatte, was der achte Sinn überhaupt war.
Harold schloss die Augen, und sah umso deutlicher die fremdartigen Wesen um ihn herum.
“Deine Phantasie ist dämlich.”, meinte er.
Er stellte sich vor, das Ens hinter den Felsen wäre lauter Babygiraffen, denn er mochte Babygiraffen.
“Babygiraffen?”, fragte der Kopf, sichtlich aus der Fassung gebracht. “Du denkst wohl, du kannst mich hier in meiner Welt überlisten?”
Harold fühlte, wie ihm unappetitliche Tentakel wuchsen.
“Na warte du!”, rief er.
Der schwebende Kopf verwandelte sich in einen Humidor für Zigarren, der verblüfft auf den schillernden Boden fiel.
“Das reicht!”, rief der Humidor.
Harolds Kopf begann zu wachsen und hörte damit nicht auf, bis er das Übergewicht bekam und auf den Boden rollte. Seine Tentakeln ruderten Hilflos durch die Luft.
“Wah!”, rief Harold mit dem Gesicht auf den Boden gedrückt und ließ in dem Humidor Brennesseln wachsen.
Doch im nächsten Moment geschah etwas, von dem Harold sicher war, dass er es mit keinem seiner ihm bekannten fünf Sinne wahrnahm. Auch der Humidor erhob sich nun etwas verwirrt in der Phantasie.
“Der Meister…”, hörte Harold ihn flüstern.
“Was geht hier vor?”, fragte der Meister. Seine Stimme war einfach da, genau wie der Meister selbst. Das heißt, sie war relativ da.
“Er hat…”, begann die Frau.
“Ich weiß, ich weiß. Ich wollte nur irgend etwas in der Art sagen.”, erklärte der Meister. “Jetzt enschuldigt ihr euch und dann will ich nichts mehr von euch hören!”
“Entschuldigung.”, sagten verschiedene Stimmen. Harold hörte die der alten Dame, des Philosophen, die von Hydrocele und die der Mandeln heraus.
“U-i-wu.”, sagte er, rollte seinen Kopf auf die Seite und wiederholte: “Entschuldigung.”
Noch einmal traf er auf das helle Licht das ihn schon zuvor umhüllt hatte.

Und er fand sich in seiner Welt wieder.
Diesmal fehlte die Realität nicht. Zumindest sah es so aus.

Post a Comment

Your email is never published nor shared. Required fields are marked *

*
*

You may use these HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>