Anathem der Phantasie – Teil 2

Teil 1

Harold lag auf der Straße und befasste sich zuerst mit dem Gedanken, ob es ein Traum gewesen war und dann mit dem, ob er aufstehen sollte, weil ein Lastwagen auf ihn zufuhr. Er entschied sich bei ersterem dagegen und bei letzterem dafür. Der Junge rettete sich auf den Gehsteig.
Als er dort stand konnte er sich zum ersten mal ruhig in seiner Welt umsehen. Er blickte zum Himmel. Doch, sah normal aus. Dann ließ er seinen Blick auf die breite Straße vor ihm sinken. Ja, alles normal. Und doch… etwas fehlte. Harold wusste nicht, was, aber es erschien ihm wie eine Welt die jemand möglichst real gestalten wollte, dich leider nicht ganz mit dem gewünschten Erfolg. Die Realität fehlte.


Harold beschloss, nach hause zu gehen. Sein bescheidenes Heim lag still dort wo es liegen sollte. Die Tür war nicht abgesperrt, doch es schien niemand daheim zu sein. Harold wurde bewusst dass eigentlich seine Mutter dort sein hätte sollen, und bevor er sich Sorgen machen konnte kam sie ihm lautlos aus einem Zimmer entgegen.
“Hallo, mein Kleiner.”, sagte sie. Auch das schien nicht richtig.
Harold griff zu etwas, das sich für gewöhnlich außerhalb seiner geistigen Reichweite befand; eine List.
Na so was, dachte er so deutlich er konnte, Wo ist denn ihre Brille?
“Moment,”, sagte sie, “ich hole nur schnell meine Brille.”
“Ah-hah! Du bist gar nicht meine Mutter! Sie hat überhaupt keine Brille!”
“Was redest du da mein Kleiner?”
Die weibliche Gestalt trat einen Schritt auf ihn zu und er wich drei zurück.
“Dämon! Mich legst du nicht aufs Kreuz! Weiche!”
Sie wich nicht sondern kam noch näher, wobei ihre Augen zu glühen schienen, während sie in der Stimme seiner Mutter sagte: “Du redest wirres Zeug mein Kleiner. Entspann dich.”
Harold drehte sich um und stürmte aus dem Zimmer, kurz bevor die falsche Mutter nach ihm greifen konnte, nur um dann mit wachsendem Entsetzen festzustellen, dass er sich im selben Zimmer wiederfand, das er soeben verlassen hatte.
Die Augen der Frau leuchteten noch heller.
“Du hast mich betrogen!”, rief Harold und meinte damit die Göttin Hydrocele. Er zeigte sich mäßig überrascht, als sie in einem Ball aus Licht erschien.
“Mhm, gut erkannt.”, sagte sie. “Zu schade.”
Von ihr hatte Harold wohl keine Hilfe zu erwarten. Unter den amüsierten Blicken der Göttin verwandelte sich das Imitat seiner Mutter in die alte Dame.
“Also, hast du deine Lektion gelernt?”
“Ja.”, sagte Harold gut überlegt.
“Dann sag mir die Moral!”, forderte die Alte.
“Okay.” Er überlegte. “Was ist das?”
“Naja die Moral! Du weißt doch, wieso du in dich gehen solltest, oder?”
Harold beschloss, dass es auf eine weitere Lüge nicht ankam.
“Ja.”, behauptete er wieder. Das Wort “Moral” kannte er zwar, doch er glaubte nicht, es zu mögen. Seine richtige Mutter hatte ihm oft die Moral von Geschichten gepredigt, wenn sie damit fertig war. Doch er sah absolut keine Moral in dieser Geschichte.
“Na?”, fragte Hydrocele schadenfroh.
Nichts. Harold hatte keine Ahnung. Sein leistungsschwaches Gehirn ließ ihn auch diesmal im Stich.
“Fünf.”, sagte die Frau. “Vier.”
Unser unterbelichteter Antiheld kam nun wirklich ins Schwitzen. Er mochte Countdowns noch weniger als Moral. Auch seine Lehrer in der Schule nutzten die Kentniss davon, um seine Noten effektiv zu verschlechtern.
“Drei.”
Ja, die Schule war ein Problem. Es hieß, er könne sich nicht richtig konzentrieren.
“Zwei.”
Er wusste, dass er etwas sagen musste.
“Hm. Haben sie die Wahlen in Tschechien 2002 mitverflogt? Die Ceská Sociálne Demokratická (Strana CSSD), Tschechische Sozialdemokratische Partei, hat mit 30,2% …”
“Lenk mich nicht ab! Eins.”
Es hatte zu regnen begonnen in der Welt, die genauso aussah wie die Realität. Leichte Tropfen prasselten ans Fenster und Harold lauschte ihnen.
“Null.”

Teil 3 

Post a Comment

Your email is never published nor shared. Required fields are marked *

*
*

You may use these HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>