Anathem der Phantasie – Teil 1

Harold Mortison war ein kleiner Junge und als solcher hatte er sich noch nie mit philosophischen Fragen auseinandergesetzt. Wozu auch? Er würde es bald mit mehr davon zu tun bekommen, als jedem von uns lieb wäre.

Zu dem Zeitpunkt an dem die Ereignisse leider ihren konfusen Lauf nehmen flanierte er ziellos durch die Stadt und sah aus, als würde er angestrengt nachdenken. Eines musste man ihm lassen: er war ein hervorragender Schauspieler. Denn in Wahrheit war er in einem Teil seines Gehirns versunken, der im Gegensatz zu allen anderen recht gut funktionierte. In seiner Phantasie schuf er ganze Welten (kam jedoch nie auf die Idee, sie wie andere Leute zu Papier zu bringen und viel Geld damit zu verdienen).
Bis er mit einer älteren Dame zusammenstieß, was ihn wieder in die Realität zurückholte.
“Dummer Junge! Blöder Junge! Esel!”, ereiferte sie sich. Das hörte Harold nicht zum ersten Mal. “Schäm dich! Den nach was du getan hast! Geh in dich!”

Und Harold ging in sich, ob er es wollte oder nicht.

Er saß auf seiner Zunge. Offenbar war die Dame keine der gewöhnlichen Fluchenden, die man oft auf der Straße traf. Sie war eine der verfluchenden, wie man sie manchmal in Filmen sieht, wenn man die Fernbedienung nicht finden kann.
Sogar Harold verstand das, als er zwischen seinen eigenen Geschmacksnerven herumwanderte. Er schluckte. Und erkannte im selben Moment den Fehler darin. Immerhin befand er sich in demselben Mund, mit dem er schluckte. Der Speichelsog zerrte ihn in den Rachen, und allein ein Griff nach dem Gaumen bewahrte ihn vor dem unangenehmen Erlebnis in seinem eigenen Körper zersetzt zu werden.

Harold sah seine Mandeln.
“Hallo.”, sagte die linke Mandel.
“Hallo,”, sagte Harold etwas verblüfft. Er hatte noch nie mit seinen Mandeln geredet. “Ich bin Harold.”, erklärte er.
“Sehr erfreut. Wir sind die Mandeln.”, sagte eine Mandel.
“Moment mal… der Harold?”, warf die andere ein.
“In dem wir uns befinden?” fügte die andere hinzu.
Bis jetzt hatte Harold sein Gehirn noch nicht genug angestrengt, um herauszufinden, dass er wirklich in sich selbst war. Aber jetzt schien es Sinn zu machen.
“Ich denke schon,”, sagte er, während er sich immer noch an seinem Gaumen festhielt, da er sich mit dem Gedanken verdaut zu werden einfach nicht anfreunden konnte. Er merkte, wie die Schallwellen aus seiner eigenen Kehle ihn hin und her schwingen ließen. Gleichzeitig war er bemüht, den Schluckreiz zu unterdrücken. Zum Glück lenkten ihn seine Mandeln ab.
“Sag mal…”, wollte eines der löchrigen Dinger wissen, “wenn du in dir bist, ist dann auch in dir ein du?”
Harold verstand kein Wort.
“Ich verstehe kein Wort.”, sagte er.
“Will sagen… eigentlich müsste es dich unendlich oft geben. Dich in dir in dir in dir in dir…”
Harold ahnte, dass Mandeln nie Luft holen müssen, und unterbrach sie.
“Ah, ja.”, sagte er.
Er dachte nach und verzog sein Gesicht vor ungewohnter Anstrengung.
“Nein, ich glaube, es muss nur zwei Harolds geben. Einer ist im anderen.”, behauptete die andere Mandel.
“Ja klar. Bestimmt kannst du auch eine Kiste mit der Brechstange öffnen, die sich darin befindet!”, gab die erste Mandel zurück.
“Theoretisch, ja!”
“Welche Theorie soll das sein?”
“Wenn ich auch in der Kiste bin und…”
“Du hast keine Arme!”
Die erste Mandel bewegte sich so, dass sie vermutlich Harold, der stumm an seinem Gaumen hing, zugewandt war, und sagte: “Ist Philosophie nicht toll, mein Junge?”
Harolds Lippen bewegten sich lautlos, als er den Begriff in seinem mentalen Wörterbuch nachschlug. “Äh… ja?”, versuchte er vorsichtig.
Dann wandte er sich pressanteren Problemen zu, zu denen sicherlich die Tatsache gehörte, dass er eigentlich gerne von seinem Gaumen herunterkommen wollte, und zwar auf eine Art und Weise, die nicht beinhaltete in seinen Magen zu stürzen.
“Habt ihr eine Ahnung, wie ich hier runterkommen kann?”, fragte er seine Mandeln.
“Hm… das hier ist sehr Philosophisch.”
“Wir werden einen Philosophen brauchen.”
Ein dürrer alter Mann kletterte aus einer Vertiefung in Harolds Zunge hervor. Er war mit einem weisen Lendenschurz bekleidet, der jedoch weitaus nicht so wirkungsvoll verhüllte wie sein Bart.
Harold bewegte versuchsweise seine Zunge und lachte, als der alte Mann umfiel. Er hatte einen derben Sinn für Humor.
“Wer sind sie?”, fragte er schließlich.
“Ich bin der Philosoph.”, sagte der Philosoph.
“Freut mich, glaube ich.”, sagte Harold ehrlich.
Er sah nach unten in die Dunkelheit wo das Blubbern der Magensäure vermischt mit seinem eigenen Herzschlag eine unpassende Musik erzeugte.
“Kannst du mir helfen?”, fragte er den Philosophen.
“Wobei?”, fragte der zurück.
“Wie du vielleicht bemerkt hast, befinde ich mich in der misslichen Lage an einem Gaumen zu baumeln. Ach ja, und es ist mein eigener.”, fügte er hinzu.
“Das ist interessant! Dein eigener Gaumen! Das bedeutet du bist auch in deinem Mund und in dessen Mund, wobei das genau der gleich Mund ist…”
Das hatte Harold inzwischen verstanden. In letzter Zeit interessierte er sich mehr und mehr für sein Problem, da langsam zu rutschen begann. Gaumen bieten nicht sehr viel Halt. Allerdings musste er den Philosophen dazu bringen, ihm zu helfen.
“An welcher Stelle in der Reihe bin ich?”, fragte er mit gespieltem Interesse.
“Völlig egal,”, meinte der Philosoph, “Es passiert unendlich oft und immer das gleiche.”
“Ha!”, rief Mandel Nummer zwei.
“Sei still!”
Harold lies die beiden im Hintergrund weiterschimpfen und wandte sich wieder an den Philosophen.
“Also, kannst du mir hier raushelfen?”
“Ich kann nur an Auswege denken, aber nichts derartiges durchführen. Was du brauchst, ist eine Göttin!”
Eine junge Frau erschien in gleißendem Licht. Sie war in helle Tücher gehüllt, die um sie herum durch die Luft waberten.
“Ihr habt mich gerufen?”, fragte sie.
“Eigentlich nicht. Aber du kannst ruhig bleiben.”, bot Harold höflich an. “Wer bist du?”
“Ich bin Hydrocele, die Göttin deines Körpers.”, sagte sie.
“Hallo.”, sagten Harold, der Philosoph und eine Mandel. Die andere Mandel schmollte.
“Also kannst du mir helfen?”, fragte der Junge.
“Mit Verlaub, dem ist so. Ich glaube, du hast deine Lektion gelernt und darfst jetzt gehen.”
Das stimmte nicht wirklich. Er hatte keine Ahnung, was er aus dieser Geschichte lernen sollte. Aber er schwieg lieber. Wenn er richtig gehört hatte, war jemand im Begriff, ihn zu befreien.

Das Licht, das die Göttin umrahmte, wuchs und verzehrte alles. Dann wurde es dunkel.

Teil 2 

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