Brian V

Teil 1
Teil 2
Teil 3
Teil 4

Nebel machte ihnen die Sicht im Morgengrauen noch schwieriger. Ein Blitz zuckte über den rosaroten Himmel. Carr und Finn konnten kaum die Augen offen halten, schließlich waren sie die ganze Nacht durch Irland gelatscht. Im Hintergrund ragten die Silhouetten der Hochkreuze beeindruckend in den Himmel.

Devenish Island

Sie stiegen die Eisentreppe zum Eingang des Turmes von Devenish Island hinauf und traten ein. Finn sah eine Leiter und schluckte.

„Ich… schieb lieber mal hier unten Wache. Du kannst Brian ja alleine wiederbeleben. Wenn du es schaffst, bring ihn doch mit.“, sagte er zögernd.

„Was ist los?“, fragte Carr. Ihm viel etwas ein. „Hast du Höhenangst?“

Finn nickte.

Ihm blieb wohl nichts anderes übrig, als die fünf Leitern alleine zu erklimmen.

In einem runden Zimmer ganz oben angekommen, legte er alle Teile in richtiger Reihenfolge auf den Boden, ganz zum Schluss das Herz, das in ein Loch in der Brust passte.

Helles Licht umrahmte es. Dann explodierte es in einem Ball aus Energie, die Carr wie eine Splittergranate ins Gesicht traf. Er hatte wieder das Gefühl, zu schweben, und er hörte seltsame Töne, die seinen Ohren wie eine fremde Melodie anmuteten. Er fühlte, wie er sich in den endlosen schwarzen tiefen des Nichts ein paar mal überschlug und sah einige Lichter auf sich zukommen, die versuchten, ihm auf einer Sprache, die er nicht verstand, etwas wichtiges mitzuteilen.

Er schlug am Boden auf, so als wäre er wirklich durch die Luft geschwebt.

Er sah hinüber zu Brian, der neben im lag. Sein Körper schien matt zu glühen, aber er regte sich nicht. Dann schlug er die Augen auf. Er drehte sich hin und her und murmelte etwas. Es klang, als würde er den Staub von seinen Stimmbändern abschütteln.

„Was?“, fragte Carr.

Mann, bin ich durstig.“, sagte Brian und stand auf.

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Finn sah nach oben. Er wusste nicht, ob er wegen dem Blitz, der da eben eingeschlagen hatte, Carr zu Hilfe kommen, weglaufen, oder sich die Hose nässen sollte. Die Entscheidung wurde ihm gnädigerweise abgenommen, als die Turmspitze explodierte. Er entschied sich für die letzten beiden Möglichkeiten. Dann fiel ihm etwas ein.

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Oh, ich hab mir dich… anders vorgestellt.“, sagte die Leiche mit vorsichtiger Höflichkeit, nicht an Small Talk gewohnt.

ha?“, sagte Carr.

Ich denke ich werde dich fressen müssen. Du hast dein Monster erschaffen, also muss es dich beseitigen. Das hat etwas tragisches, nicht wahr? Aber man kennt das ja. Tradition.

ha!“, sagte Carr, diesmal noch entsetzter.

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Finn sah nach oben. Ein Schatten stieg, nein, sprang die erste Leiter hinunter, und bald darauf folgte ein zweiter, dem es beim Versuch, sich cool hinunterzuschwingen eine Hand abriss. Beide Schatten kamen rasch näher. Nach der dritten Leiter konnte Finn erkennen, dass es sich beim ersten Schatten um Carr handelte. Den zweiten wollte er lieber nicht so genau ansehen. Carr flog an ihm vorbei aus dem Turm. Er rannte wie jemand, der um sein Leben fürchtete. Brian rannte ihm hinterher wie jemand, der seit tausend Jahren nichts gegessen hatte, hinter einem Hamburger. Finn stand kurz da und rannte ihnen dann allmählich nach.

Carr rannte in eine Ruine. Ein großer Fehler. Denn sie hatte nur einen Eingang. Brian erschien darin genau in dem Moment, als eine Blitz seine toten Züge erhellte. Vielleicht blitzte es auch, weil er erschien. Carr versuchte jedenfalls verzweifelt, auf eine der Mauern zu klettern. Panik hatte die Herrschaft über sein Gehirn genommen und ließ ihn ständig daneben greifen. Der Zombie ging gemächlich zu der Mauer und packte Carr am Fuß. In Todesangst versuchte er sich loszustrampeln, fiel jedoch nur von der Mauer herunter und landete nicht sehr elegant am Rücken. Er zwang sich, die Augen aufzuschlagen und blickte direkt in Brians Rachen. Es war nicht sehr appetitlich.

„Carr? Hast du es geschafft, ihn wiederzubeleben?“, rief Finn vom Eingang der Ruine.

In der Aufregung hatte Carr sogar seinen Sarkasmus verloren. Er sagte nur: „ha

Brian sah zu Finn.

„Das wundert mich jetzt aber ein bisschen,“, fuhr dieser fort. „In der Zeitung stand nämlich, dass erst morgen Vollmond ist.“

Man sollte von einem Toten keine besonderen Gesichtsausdrücke erwarten, aber dieser hier schaffte es tatsächlich, verdutzt dreinzuschauen.

Oh… na ja… ihr wisst schon… nach tausend Jahren zählen, da kann man schon mal einen Tag auslassen… mein Fehler.“

Die Körperteile lösten sich in langen Fäden auseinander, als hätte man sie schlecht zusammengeklebt. Brian, oder das, was von ihm übrig war, lag am Boden.

„Ha! Das hast du jetzt davon! Feigling! Noch mal Glück gehabt! Ich wollte gerade anfangen!“, rief Carr. Er trat in den Knochenhaufen.

Finn stand wieder unschlüssig daneben. „Das war ein Abenteuer, was?“, fragte er.

„Hm,“, machte Carr. „Na dann, auf Wiedersehen.“

„Musst du schon gehen?“

„Hm“

„Wiedersehen“

Unser Held drehte sich um und beeilte sich. Ihn erwarteten weitaus größere Probleme. Er hätte zum Abendessen zuhause sein sollen. Der Morgen graute schon, aber es sah eher rot als grau aus.

Finn sah ihm nach.

„Seltsamer Typ“, sagte er.

„Kannst du laut sagen. Der hat sie doch nicht mehr alle.“

„Aber nett ist er ja.“

„Um… kann sein…“

Finn drehte sich um. „Gehen wir.“

Er schwebte davon. Die Banshee folgte ihm.

ENDE

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